DINKELSBÜHL Drei Monate arbeitete Stephanie Flähmig im Alten- und Pflegeheim Stephanus in Dinkelsbühl. Die 27-Jährige glaubte, als Arzthelferin in der Pflege ihren Traumberuf gefunden zu haben. Doch die zwölf Wochen im Dinkelsbühler Heim wurden für sie zum Albtraum! Sie kündigte – und macht jetzt öffentlich, was sie in dem Heim erlebte: Insgesamt mindestens vier Patienten sollen dort gestorben sein, weil ein Arzt nicht oder zu spät gerufen wurde. Ein Skandal!
Die Staatsanwaltschaft Ansbach ermittelt nun gegen Pflegekräfte des Heimes. Sie stehen im Verdacht, drei alte Menschen fahrlässig getötet und fünf misshandelt zu haben. Der AZ liegt eine Liste vor, die Flähmig und ihre Kollegin Katrin Haderlein erstellt haben. Hier Auszüge:
„Zur Not“ werde im Heim auch geschlagen, heißt es dort. Mit dem Handy dokumentierte Flähmig blaue Flecken auf der Haut einiger Senioren. Geduld mit den betagten Menschen habe Kollegin Dorothea P. – sie sei vergangene Woche fristlos entlassen worden – kaum aufgebracht: „Halt’s Maul und ess“, sei Standard gewesen. Mit Angehörigen sei sie genauso unhöflich umgegangen. Aus Angst vor weiteren Repressalien gegen die Bewohner hätten die Angehörigen geschwiegen...
Zur Not werde im Heim auch geschlagen, sagen die Pflegerinnen
Dramatische Zustände mit der Handy-Kamera festgehalten
Daneben lesen sich die anderen Verfehlungen an den 44 Bewohnern fast wie Lappalien. So sei es keine Seltenheit, dass die alten Herren und Damen bis zu 60 Minuten auf der Toilette sitzen müssen, bis sie heruntergehoben würden.
Flähmig kündigte nach zwei Monaten. Sie protokollierte, was sie erlebt hatte – und informierte das Bundesgesundheitsministerium. Das gab die Unterlagen ans bayerische Sozialministerium weiter. „Doch von denen habe ich noch keine Rückmeldung bekommen“, so Flähmig frustriert.
Die mutige Frau informierte deshalb den Dinkelsbühler Oberbürgermeister Christoph Hammer (CSU). Der setzte Anfang April ein Krisengespräch an, zu dem auch die Leitung des Stephanusheimes und das Diakonische Werk Dinkelsbühl-Wassertrüdingen erschien. Friedrich Walter, Diakonie-Geschäftsführer, zur AZ: „Ich habe da zum ersten Mal von den Vorwürfen gehört und die Fälle bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Das muss aufgeklärt werden.“ Stationsleiterin Gerlinde G. sei inzwischen beurlaubt worden.
Stephanie Flähmig hat einen neuen Job gefunden. „In diesem bin ich endlich rundum glücklich!“ Ihre neue Chefin begrüßt ihr Engagement, die Missstände endlich aufzudecken.
Erst vor wenigen Tagen berichtete die AZ über das Heim: Von dort war Rentner Ernst Z. verschwunden. Am vergangenen Freitag wurde die Leiche des 80-Jährigen in einem Weiher gefunden. Flähmig kannte den Mann. „Er war dement, lief oft herum und wollte immer raus. Das konnte nicht gut gehen. Er hätte auf der beschützenden Station 24 Stunden Schutz gebraucht. Doch den hat ihm die Heimleitung nicht gegeben.“ Susanne Will